Time has come today

Vom 26.05.2016 bis 28.05.2016 findet die Tagung der Sektion Kultursoziologie in der DGS und des DFG-Projekts „Time has come today“ im SPP 1688 „Ästhetische Eigenzeiten“ statt.

Seit den 1960er Jahren wurde populäre Musik in bis dato noch nicht gekannter Weise zu einer Klammer, die die Ansprüche aufeinanderfolgender Generationen auf eigene Zeitregie, neue Lebensformen und -entwürfe miteinander verband und ihnen, vor allem seit den 1970er Jahren, eine gesellschaftliche Verbreitung verschaffte. Diese Verbindung von Musik, einer Alternativkultur und politischem Emanzipationsstreben entfaltete eine Sogkraft, die noch lange fortwirkte. Kultursoziologisch ist der spezifische Beitrag der populären Musik zu den gesellschaftlichen Wandlungsprozessen in diesem Zeitraum noch kaum thematisiert worden. In der Popularmusikforschung werden diesbezüglich zumeist der Form- und Genrewandel oder die Identitätsbildungsprozesse von Akteuren und Rezipienten untersucht. Die Tagung widmet sich der populären Musik als einem sich seit den 1960er Jahren weltweit verbreitenden kulturellen Phänomen, das auch aufgrund seiner transformativen Effekte interessant ist. Statt der in vielen kultursoziologischen Arbeiten im Vordergrund stehenden Abwertung oder Verteidigung populärer Musik (Kritische Theorie versus Cultural Studies) geht es also um die Kultursoziologie der populären Musik als einem Faktor des gesellschaftlichen Wandels der 1960er bis 1980er. Die Tagung soll damit auch dazu beitragen, die vielfältigen Beziehungen von Ästhetischem und Sozialem in konkreten Fallstudien mit Bezug auf populäre Musik zu analysieren.
Die – nicht eben zahlreichen – kultursoziologischen Auseinandersetzungen mit populärer Musik standen bislang vor allem im Zeichen zweier entgegengesetzter Positionen: Für Adorno und andere stellte sie den Paradefall von ›Kulturindustrie‹ dar, betont wurde die Bezogenheit auf ein Massenpublikum und die musikindustriellen Verwertungsinteressen wurden als ihr wesentliches Merkmal angesehen. Für die Cultural Studies hingegen, prominent v.a. bei Paul Willis, manifestierte sich in der alltäglichen Rezeption populärer Musik eine ›symbolische Kreativität‹, aufgrund derer sie als emanzipativ bewertet wurde. Mit Bourdieu schließlich wurden die Gebrauchsweisen von populärer Musik als Reproduktion von Klassenstrukturen in den Blick genommen.
Allerdings, so die Ausgangsüberlegung des Tagungskonzepts, hat populäre Musik seit den 1960er Jahren darüber hinaus eine sehr bedeutsame Rolle in den zunächst die westliche Welt prägenden gesellschaftlichen Transformationen und kulturellen Umbrüchen gespielt: Sie ist, so die Annahme, ein Kulturphänomen, das diese nicht nur zum Ausdruck bringt, sondern selbst (mit)bewirkt. Deutlich wird dies besonders in den späten 1960ern und den 1970ern, als populäre Musik zu einem wesentlichen ästhetischen Mittel und Ausdruck jugendlicher Sub- und Gegenkulturen wurde: Mit Diskotheken, Konzerten, Kneipen u.a. entstand ein dichtes Netz von Orten und Ereignissen für diese Szenen. Populäre Musik prägte die Biografien dieser Generationen, sie schuf, so die im Forschungsprojekt der Tagungsorganisatoren verfolgte These, Eigenzeiten und -räume, die mit vielfältigen (auch außermusikalischen) Bedeutungen aufgeladen, als soziale Räume genutzt wurden und dadurch auch gesellschaftliche Wirkungen entfalteten. Zu fragen ist damit auch, wie populäre Musik dazu beitrug, vermittelt durch ästhetische Erfahrungsweisen neue soziale Praxisformen und gesellschaftliche Tendenzen zu moderieren oder sogar zu ermöglichen.
Autoren wie der Poptheoretiker Diedrich Diedrichsen vertreten die Auffassung, dass die Bedeutung von Musik für Jugendkulturen spätestens seit den 1990er Jahren wieder abnehme – sie sei in eine ›postheroische Phase‹ übergegangen –, wobei sie die Bedeutung der populären Musik daran messen, inwieweit sie politisch-emanzipative Tendenzen befördern können. Demgegenüber lässt sich die These vertreten, dass Musik in der Jugendphase nach wie vor zeitlich sehr intensiv genutzt wird und mehr denn je Alltagsbegleiter ist, so, dass ihr heute lediglich eine andere Bedeutung zukommt als vordem. Es sind daher auch Beiträge erwünscht, die Beispiele solcher ›postheroischer‹ Nutzungen populärer Musik untersuchen und an ihnen aufzeigen, inwieweit sich die gesellschaftliche Bedeutung von populärer Musik seit den 1980er Jahren verändert hat.
Die Tagung soll vor diesem Hintergrund kultursoziologische Perspektiven erstens auf die spezifisch musikalischen bzw. ästhetischen Formen der populären Musik sowie die sich mit ihnen verbindenden generationalen Lagerungen, kulturellen Praxen, politischen Artikulations- und Geselligkeitsformen entwickeln. Zweitens soll die Rolle der populären Musik in den gesellschaftlichen Wandlungsprozessen der 1960er bis 1980er Jahre, aber auch danach in den Blick genommen werden.